Wenn Kryptoexperten das wertvollste Gut einer Kryptowährung verkennen

Zwei Kryptoexperten haben unlängst auf Twitter den Wunsch geäußert, dass zahlreiche Kryptowährungen aus den Top-10 im Krypto-Ranking fliegen. An ihrer statt sollen Coins auf die Spitzenplätze, die technisch brillant sind, aber deren Blockchain leer wie eine Wüste ist. Das zeigt den Trend der Branche, die technische Theorie über die wirtschaftliche Wirklichkeit zu stellen.

Es gibt Einleitungen, die genau das Gegenteil von dem meinen, was sie sagen. Wenn jemand einen Satz mit „Bei Allem Respekt“ beginnt, kommt zuverlässig eine anmaßende Dreistigkeit, und wenn einer damit ansetzt, nun ein Tabu zu brechen, verkündet er mit Sicherheit etwas, das bereits alle Spatzen von den Dächern pfeifen.

Wenn also Simon Dedic von MoonrockCapital einen Tweet damit startet, dass er sicherlich „ernsthaften Hass“ für diesen bekommen werde, dann ahnt man schon, dass etwas weitgehend unkontroverses folgt:

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„Ich werde ernsthaften Hass dafür ernsten, aber ich stehe zu meiner Meinung: XRP, BCH, BSV, LTC und EOS verdienen es absolut NICHT, zu den Top10-Kryptowährungen zu gehören. Ich kann es eigentlich gar nicht erwarten, bis sie verschwinden und Platz für solide Kandidaten machen wie VET, LINK, XTZ oder ATOM.“

Auf den Tweet bekommt der Hedgefond-Manager rund 300 weitgehend hassfreie Antworten. Die Aussage, dass viele der Top-Coins fehl am Platz sind, ist im Kryptoraum offenbar so kontrovers wie Fritten. „Echte“ Bitcoiner hat Dedic sowieso auf seiner Seite, weil sie jeden Altcoin verachten, und die Fans aller Coins außer den fünf genannten fänden es natürlich toll, wenn diese Platz im Ranking machen für ihren Lieblingscoin. Und selbst die Freunde von XRP, BCH, BSV, LTC oder EOS reagieren friedlich: Schließlich hat Dedic ja recht – aber halt nur zu vier Fünftel.

Etwa Kyle MacLeanX für XRP. Auch erwartet ernsthaften Hass dafür, dass er das tweetet:

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Natürlich bleibt auch hier der Hass aus.

Ja, diese Coins verdienen es vielleicht nicht, in den Top-10 zu sein

Sind die Top-10 der Kryptowährungen also wirklich so fehlbesetzt, dass man auf Twitter schon darum betteln muss, für ein solches Statement angefeindet zu werden? In gewisser Weise ja.

XRP hat möglicherweise Anwendungsfälle und den Bonus einer engagierten, starken Unternehmung in der Mitte. Aber dass das XRP-Token überhaupt einen Wert hat, ist eigentlich sinnlos, solange der Großteil der Token weiterhin in der Wallet von Ripple Labs sitzt.

Sowohl Bitcoin Cash als auch Bitcoin SV sind Ableger von Bitcoin. Sie schleifen die weithin als veraltet geltende Technologie mit, haben aber die Netzwerkeffekte und das starke Branding zurückgelassen. Auch Litecoin ist wie Bitcoin, aber halt mit weniger User und Entwickler.

EOS schließlich ist immerhin einigermaßen innovativ, da es Ethereum-artige Blockchain mit einem DPOS-Konsensverfahren kombiniert. Aber es leidet darunter, nicht so richtig dezentral und zensurresistent zu sein, und es kann auf dem Markt für Smart Contracts und Token nicht wirklich mit Ethereum mitstinken.

Man könnte Dedic also schon zustimmen. Aber was ist mit seinen „soliden Kandidaten“? Ich weiß, ich werde mir jetzt „ernsthaften Hass“ zuziehen. Aber Dedic versucht, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben. Er will die Investoren vom Regen in die Traufe schicken, den Bock zum Gärtner zu machen und so weiter.

Leere Städte als Alternative

Schauen wir uns die vier „soliden Kandidaten“ an:

VeChain (VET) hat eine Marktkapitalisierung von 500 Millionen Dollar und ist derzeit auf Rang 28.  Als Konsensverfahren dient „Proof-of-Authority“, also ein Wahlsystem. Das System baut grob auf Ethereum auf, um Smart Contracts zu haben, fügt aber noch „Metatransaktionen“ hinzu. Das erlaubt es irgendwie, spezielle Transaktionen zu bilden. VET wirbt damit, die Logistik und andere Bereiche zu revolutionieren und findet dafür auch gelegentlich Partner in der Industrie.

Tezos (XTZ) kratzt mit einer Marktkapitalisierung von etwa zwei Milliarden Dollar und einem zwölften Rang im Coinranking bereits an den Top-10. Die Kryptowährung benutzt Proof of Stake. Dabei entscheiden die Staker aber nicht nur über den Konsens, sondern auch über Protokoll-Änderungen. Natürlich hat Tezos auch Smart Contracts.

Cosmos (ATOM) schließlich ist mit einer Marktkapitalisierung von etwa 530 Millionen Dollar auf dem 26. Platz im Krypto-Ranking. Es handelt sich laut Webseite um ein“mächtigste Ökosystem“ von verbundenen Blockchains, das „die härtesten heutigen Blockchain-Probleme“ löst. Der Konsens-Mechanismus ist Tendermint BFT – also auch ein Wahlverfahren – und angeblich skaliert er besonders gut. Dank eines „Interblockchain Communication“ Protokoll verbindet Cosmos verschiedene Blockchains.

Über Chainlink (LINK) haben wir bereits geschrieben. Das ist ein interessantes Projekt und eines der wenigen Token, die vielleicht einen echten technologischen Mehrwert bieten. Allerdings ist es keine Kryptowährung, sondern lediglich eine Art Aktie für ein (dezentrales) Unternehmen, das einen bestimmten Zweck im Blockchain-Universum spielt. Das ist legitim – aber ist es auch wert, in den Top-10-Kryptowährungen zu landen?

VET, ATOM und XTZ haben eines gemeinsam: Es interessiert niemanden. Die Coins haben sicherlich ein interessantes technisches Konzept, und sicherlich stehen hinter ihnen gute, fleissige und ehrliche Entwickler, die aufrichtig und hart auf ihr Ziel hinarbeiten. Aber es gibt keine User.

Auf Coinmarketcap kann man die Währungen anhand ihrer Abkürzungen aufrufen und Links zu Blockexplorern folgen. Bei allen drei blickt man auf eine Wüste.

VeChain-Explorer insight.vechain

Bei VeChain erscheint etwa alle zehn Sekunden ein Block. Auf den ersten Blick hat ein Block zwischen zwei Null und zwei Transaktionen, ich habe aber auch schon Blöcke mit 5 Transaktionen gesehen. Das Transaktionsaufkommen ist gering.

Tezos-Transaktionen nach Tezblock.io

Bei Tezos wird etwa einmal in der Minute ein Block publiziert. Sieht man vom obersten Block ab, sind die meisten Blöcke weitgehend leer. Tezos hat offenbar noch weniger User als VeChain.

Cosmos-Transaktionen nach Mintscan.io

Fast noch öder sieht es bei Cosmos aus. Hier wird etwa alle sieben Sekunden ein Block an die Blockchain angehängt. Die Blöcke sind aber weitgehend leer und hängen oft nur unnütze Blockheader und -metadaten an die Kette an.

Natürlich sind diese Kryptowährungen relativ jung. Tezos und VeChain sind etwa zwei Jahre alt, Cosmos etwas weniger als eineinhalb. Aber sie haben es bisher nicht geschafft, Netzwerkeffekte aufzubauen. Die Transaktionen, die es derzeit gibt, dürften nur in Ausnahmen über Miner-Transaktionen zu Börsen, Arbitrage-Transaktionen zwischen Börsen und Tests von Entwicklern hinausgehen.

Simon Dedics Einschätzung, welche Kryptowährungen in den Top-10 sein sollten, wirkt daher etwas wirklichkeitsfremd für einen professionellen Investor. Er möchte Blockchains, auf denen es immerhin ein wenig blüht, raus haben, und dafür Kryptowährungen reinnehmen, die eine reine Einöde sind.

Man könnte sagen: Dedics ärgert sich, dass die Märkte von Praktikern gemacht werden, anstatt von trockenschwimmenden Theoretikern. Damit ist er im Ökosystem leider nicht allein.

Und noch mehr Wüsten und Einöden und leere Städte

Kurz nach Dedic hat Ryan Selkis von Messari einen ähnlichen Tweet vom Stapel gelassen:

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„Überbewertet ist eine Sache. Dumm ist eine andere. Aber es gibt Hoffnung, den echten Müll auszukehren. Die Top 10 im nächsten Jahr:

BTC
ETH
DOT
BNB
ADA
XTZ
LEO
COMP
XMR
ZEC“

Ryan Selkis war ein einigermaßen prominenter Krypto-Journalist, der etwa für Coindesk geschrieben und ein Dokument zur Insolvenz von Mt. Gox an Licht gebracht hat. Heute leitet er Messari, eine Analyseplattform für Kryptomärkte, und schreibt einen täglichen Newsletter. Man sollte meinen, er weiß, von was er spricht.

Allerdings findet wir bei Selkis dasselbe in Grün wie bei Dedics. Auch er findet, dass XRP, BCH, BSV, LTC und EOS nichts in den Top-10 zu suchen haben. Er nennt sie „Müll“, und ihre User oder Investoren „dumm“. Welche Kryptowährungen verdienen es seiner Meinung nach mehr, in den Top-10 zu landen?

Polkadot (DOT) ist das Token eines Art Framworks, das Blockchains verbindet. Es wird von Parity hergestellt, einem Berliner Startup, das einst eine grandiose Node-Software für Ethereum entwickelt hat, diese dann aber sukzessive verschlimmbesserte und schließlich, nach einer Reihe von verheerenden Bugs, aufgegeben hat, um sich ganz Polkadot zu widmen. Ob es allerdings tatsächlich einen Bedarf für ein solches Framework gibt, ist ziemlich ungewiss – und selbst wenn, muss das nicht bedeuten, dass das Token einen ernsthaften Wert erhält.

Cardano (ADA) ist die Blockchain von Ethereum-Mitgründer Charles Hoskinson, der vor allem durch latent größenwahnsinnige Äußerungen auffällt. Cardano soll wie Ethereum sein, aber in jeder Beziehung besser. Mit seiner Firma IOHK finanziert Hoskinson umfangreiche Forschungen zur Blockchain-Technologie. Nachdem das Cardano Team in einer ICO eine große Menge Geld eingenommen, hat es so gut wie jede Deadline verschwitzt. Daher ist Cardano weiterhin auf die Server weniger Organisationen zentralisiert. Zweieinhalb Jahre nach der Markteinführung gibt es noch immer keine dezentrale Blockchain.

Cardano-Blockexplorer

Wie schon bei VET, XTZ und ATOM zeigt ein Blick auf den Blockexploer ein leeres Dorf: Die Blocks erscheinen etwa alle 30 Sekunden und haben null bis 4 Transaktionen. Es passiert so gut wie gar nichts.

Monero (XMR) immerhin ist ein Privacycoin, für den es zumindest ein Stückweit eine organische Nachfrage gibt. Die Nachfrage nach Monero rührt aber vermutlich zu relativ großen Teilen aus kriminellen Aktivitäten, weshalb die regulatorische Zukunft der Währung heikel ist. Der Coin ist gut, aber ob er wirklich eine größere Zukunft als XRP, BCH oder BSV hat, ist zweifelhaft. Aber, immerhin, es gibt ein gewisses Ökosystem.

Von Zcash (ZEC) kann man das dagegen eher weniger sagen. Der Coin brilliert zwar durch die Forschungen von Zooko und seinem Team, stößt bei den Usern aber auf Desinteresse.

Zcash-Explorer Zchain

Wir haben auch hier dasselbe Bild. Es gibt etwa einen Block je Minute, und der enthält mal nur die Coinbase-Transaktion, mit der sich Miner ihr Einkommen gutschreiben, mal maximal 20 Transaktionen. Das ist erneut so wenig, dass man bezweifeln darf, ob Zcash für etwas anderes als Mining und Trading gehandelt wird.

Die anderen Coins, die Selkis nennt, sind Binance Coin (BNB), eine Art Aktie für die Altcoin-Börse Binance, LEO, das Token der Börse Bitfinex, sowie Compound (COMP), das Token des gleichnamigen DeFi-Geldmarktes. Nicht, dass diese drei Unternehmungen nicht spannend und ertragsreich wären. Aber welchen Sinn ergibt es, dass drei der zehn Top-Coins die eine Art Anleihe bei Plattformen sind, auf denen man Kryptowährungen tauschen kann? Frisst sich die Schlange hier nicht selbst auf?

Wenn es nach Selkis ginge, bestünden die Top-10 also aus technisch interessanten Coins, die keiner benutzt, sowie Anleihen von Plattformen, auf denen man diese Coins tauschen kann. Zum Glück entscheidet nicht er, sondern der Markt.

Gegen den Markt, gegen die User

Muss man all das noch weiter kommentieren? Die einen setzen lieber auf technische Innovation, die anderen interessieren sich mehr für die tatsächliche Nutzung. So hat jeder seine Perspektive auf den Kryptomarkt.

Dedics und Selkis verkennen aber die Bedeutung von Netzwerkeffekten. Eine technisch brillante Kryptowährung aufzusetzen, ist die einfache Etappe auf dem Weg in die Top-10. Viel schwieriger ist es, die User zu bekommen. Bitcoin (BTC) ist langsam und Transaktionen sind teuer. Und doch stellt BTC trotz vorhandener Alternativen weiterhin fast 90 Prozent aller Zahlungen bei BitPay.

Auch Ethereum ist teuer, und doch sind die ERC-Token der ökosystemweite Standard, obwohl es zahlreiche Alternativen gibt, die viel billiger sind. Ethereum gelang es, einen Netzwerkeffekt aufzubauen, weil es zum richtigen Zeitpunkt eine riesige Menge an Entwicklern angezogen hatte, die sich bei Bitcoin nicht verwirklichen konnte, und indem es daraufhin als erster Coin Dinge wie Token und ICOs und Smart Contracts auf relativ einfache Weise ermöglicht hat. Seitdem wurden bei Ethereum unendlich viele Arbeitstsunden in den Aufbau einer Infrastruktur investiert. Das kann man nicht einfach auf Tezos, VeChain, Cardano oder was auch immer rüberkippen.

Selbst große Vermögen, wie sie EOS angesammelt haben, helfen offenbar nicht wirklich weiter. Die EOS Foundation schüttet Geld auf App-Entwickler, die EOS benutzen, und auch bei Bitcoin Cash und Bitcoin SV gibt es reiche Gönner, die Startups finanzieren. Doch auch hier geht es nur langsam, mit sehr kleinen Schritten, und oft durch stagnierende Phasen. Man kann User nicht zwingen. Sie – nicht die Technologie – sind das wertvollste Gut einer Kryptowährung.

Original source: https://bitcoinblog.de/2020/06/24/wenn-kryptoexperten-das-wertvollste-gut-einer-kryptowaehrung-verkennen/

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