Kryptowährungen als Cyber-Etatismus

Warum ist die Szene rund um Kryptowährungen oft so giftig? Und weshalb trifft man eine vergleichbare Feindseligkeit nicht bei anderen Tech-Projekten an? Über diese Fragen hat Frank Braun, ein Berliner Langzeitbitcoiner, lange nachgedacht. Frank, nach eigenen Angaben Cypherpunk, Kryptoanarchist und Privacy-Extremist, kommt dabei zu Schlussfolgerungen, die für einen Libertären wie ihn erfrischend unangenehm sind. Wir haben seinen auf Englisch veröffentlichten Essay mit seiner Genehmigung übersetzt.

Vorwort

Ich frage mich schon eine lange Zeit, weshalb Kryptowährungen im Generellen und Bitcoin im Besonderen so – mir fällt kein besseres Wort ein – toxisch geworden sind.

Vielleicht ist das nur meine persönliche Erfahrung, und Erfahrungen sind immer vollkommen subjektiv. Aber es kommt mir so vor, als sei der Grade der Feindseligkeit, den man bei Bitcoin (meistens) online erlebt, sehr viel stärker als:

1. Er am Anfang war. Ich bin schon seit den frühen Tagen „bei Bitcoin dabei“ und ich habe es damals in keinster Weise so erlebt. In der Szene herrschte eher ein Klima der Kooperation vor, das von der Begeisterung dafür getrieben wurde, etwas Neues und potenziell Revolutionäres zu schaffen.

2. Der Grad der Feindseligkeit, den man in anderen tech-orientierten Online-Communities antrifft. Nerds sind bekannt dafür, ihre Meinungen durch starke Worte auszudrücken, vor allem, wenn es um ihre liebste Technologie geht, sei es ein Editor, ein Betriebssystem oder eine Programmiersprasche. Allerdings scheint das Ausmaß der Giftigkeit bei Kryptowährungen und Bitcoin weit jenseits von allem zu stehen, was man in anderen Projekten antrifft. Es scheint nahezu unmöglich geworden zu sein, eine rationale Diskussion über technische Details zu führen, die nicht in einen Flame War ausartet.

Meine erste Hypothese, warum das so ist, war diese:

Gift als Konsens-Mechanismus bei Bitcoin

Dieses Argument geht so: Proof of Work ist zwar ein großartiger Mechanismus, um in einem verteilten Kontobuch einen Konsens auf Basis von bereits beschlossenen Regeln zu finden. Aber es ist ein grauenhaftes Instrument, um einen Konsens für eine Änderung der Regeln zu erreichen.

Denn wenn nicht alle Miner und User übereinstimmen, dass eine Regel geändert wird, wird dies zu einer Fork führen. Und Forks wiederum führen zu einem Split der User-Basis, ohne dabei künftige Konflikte zu lösen. Die Fork, mit der sich Bitcoin Cash (BCH) von Bitcoin (BTC) abspaltete, war ein solcher Fall. Die später folgende BCH/BSV Fork beweist, dass eine Fork dieses Problem nicht dauerhaft löst. Forks sind zudem ökonomisch schlecht, weil sie die Basis der User und Entwickler spalten und Unsicherheiten für neue und existierende User einführen, etc.

Der einzige gute Mechanismus für Regeländerungen bei Bitcoin ist daher, dass es schon vorher einen 100-prozentigen Konsens zwischen Minern und Usern geben muss. Das macht es extrem hart, Upgrades durchzuführen, sogar dann, wenn diese weithin erwünscht sind. Dies führt dazu, dass das Bitcoin-Protokoll erstarrt, was es angreifbar durch Altcoins macht (indem diese zusätzliche Features einführen).

Es wurde argumentiert, dass die Erstarrung des Bitcoin-Protokolls nicht zwingend schlecht sein muss, besonders vor dem Hintergrund des Narrativs, dass Bitcoin ein „digitales Gold“ und ein Wertspeicher ist. Daher scheint die Giftigkeit ein ökonomisch sinnvoller Konsens-Mechanismus für Protokoll-Upgrades zu sein: Sie hält die Community zusammen und drischt auf alle außerhalb ein (was zum Beispiel zu Begriffen wie „Bcash“ und „Shitcoins“ führt).

Allerdings befremdet die Giftigkeit die, die außerhalb der Community stehen, und verhindert Upgrades. Sie macht Bitcoin effektiv zur Orthodoxie der Kryptowährungen. Das Bitcoin-Protokoll ist also entweder gut genug, so wie es ist, um Innovationen auf ihm aufzusetzen (es wird vermutlich keine maßgeblichen Änderungen des Protokolls mehr geben), oder es wird durch mangelnde Features von der Konkurrenz abgehängt.

Natürlich hat Bitcoin den Vorteil des „First Movers“, eine starke Marke und die Position als wichtigste Kryptowährung und Standard-Handelswährung auf den meisten Börsen. Dies gibt Bitcoin eine Stellung, die für andere Kryptowährungen auch in weiter Zukunft kaum zu erreichen ist.

Neuere Kryptowährungen wie Decred haben einen Konsens-Mechanismus entwickelt, der auf extreme Weise resistent gegen Forks ist (hier ist eine detaillierte Analyse der Fork-Resistenz von Decred), was der Grund sein könnte, weshalb die Diskussionen dort sehr viel ziviler sind und Unstimmigkeiten auch ohne Fork gelöst werden können. Aber es wäre auch denkbar, dass es einfach daran liegt, dass die Community und der Markt sehr viel kleiner sind.

Cyber-Etatismus

Die eben beschriebene Argumentation kann einen Teil des Gesamtbildes erklären. Aber als ich das Problem weiter diskutierte und darüber nachdachte, kam ich zu der folgenden, für einen Libertären eher unangenehmen Schlussfolgerung:

Kryptowährungen sind eine Form des Cyber-Etatismus

Lasst mich erklären, was ich damit meine.

Kryptowährungen wie Bitcoin sind eine Art von Fiatgeld, in dem Sinne, dass sie Geld „aus nichts als dünner Luft“ schaffen und keinen intrinsischen Wert haben. Natürlich, die meisten Kryptowährungen haben nicht das Inflationsproblem, an dem das Fiatgeld der Regierungen leidet (Kryptowährungen haben üblicherweise eine fixierte Gesamtanzahl der Währungseinheiten), und man muss Energie aufwenden, um neue Coins (durch Mining) zu „drucken.“

Dennoch: Kryptowährungen hatten am Anfang keinen intrinsischen Wert. Der berühmte Kauf einer Pizza mit Bitcoins wird oft als der Zeitpunkt angesehen, ab dem Bitcoin dazu überging, keine Kurosität mehr zu sein, sondern ein nützliches und wertvolles Medium des Austauschs. Wenn man sich Kryptowährungen nun aus der Perspektive des Fiatgeldes anschaut, konkurrieren verschiedene Kryptowährungen um etwas, das als Nullsummenspiel verstanden werden kann: Sie wetteifern darum, „Cybergeld“ zu werden (der Begriff kommt aus „The Souvereign Individual“), so, wie Staaten um eine begrenzte Menge an verfügbarem Territorium konkurrieren.

Wenn der Markt für Cybergeld begrenzt ist, ist es ein Nullsummenspiel, und konkurrierende Kryptowährungen zeigen Anzeichen von konkurrierenden Staaten. Dann wird Politik zum vorherrschenden Mechanismus, um Konflikte zu lösen, anstatt des Wettbewerbes verschiedener Produkte auf einem freien Markt.

Coins, die von einem anderen Coin abforken, werden zu Sezessions-Bewegungen und als solche heftig bekämpft (zum Beispiel BTC/BCH und BCH/BSV). Leute, die stark in bestimmte Coins investiert haben (emotionell und / oder finanziell) beginnen, sich wie Nationalisten aufzuführen. Sie kämpfen für ihren Coin gegen die anderen Coins. Das finanzielle Investment macht all dies nur zu einer stärkeren Kraft, weil es wirtschaftliche Anreize einführt (wenn der Coin mehr Territorium „erobert“, wird der Wert des Investments steigen).

Und wie bei den Staaten, werden die größten Mobber oft zu den größten Akteuren

Schlussfolgerungen

Das alles ist nur eine Theorie, und ich bin sicher, ich werden meinen Anteil an Hass dafür abbekommen. Wenn allerdings ein Stückchen Wahrheit in ihr steckt, frage ich mich, was aus ihr folgt, vor allem, weil ich es aus libertärer Perspektive recht besorgniserregend finde.

Zunächst, die Konkurrenz darum, „Cybergeld“ zu werden, ist kein Nullsummenspiel. Die wahre Konkurrenz findet mit dem von Regierungen herausgegebenen Fiatgeld sowie den kommenden, von Staaten und Unternehmen herausgegebenen Kryptowährungen wie Libra von Facebook statt. Das ist das Feld, auf dem der wahre Kampf ausgefochten wird, und wo sich entscheidet, ob die Welt eine Alternative zu Fiat und diesen zentral kontrollierten Coins erhalten wird. Da derzeit ein „Krieg gegen das Bargeld“ geführt wird, haben wir wohl nur noch eine begrenzte Zeit übrig, um eine oder mehrere dezentrale Kryptowährungen als eine valide Alternative für Zahlungen zu etablieren.

Außerdem ist die Austauschbarkeit zwischen verschiedenen Kryptowährungen ohne zentrale Börsen von enormer Bedeutung. Die DEX von Decred und Bisq sind zwei sehr wichtige Schritte in diese Richtung. Was wir brauchen, ist eine weite Verfügbarkeit von Over-the-counter-Börsen, die es erlauben, dass man Bargeld persönlich gegen Krypto tauscht. Wenn alle Kryptowährungen einfach und in dezentraler Weise gegen eine andere getauscht werden können, können sie miteinander so konkurrieren, wie es verschiedene Produkte auf einem freien Markt machen und einen „cyberbloc“ gegen die echten Feinde formen.

Es gibt keinen Grund, sich auf die Konkurrenz zwischen verschiedenen Kryptowährungen in einem Nullsummenspiel zu fokussieren. Wenn man die beiden Voraussetzungen erfüllt, der Fokus auf die echte Konkurrenz sowie die bessere Austauschbarkeit zwischen verschiedenen Währungen, dann kann es möglich werden, einen Sargnagel in das System der von Regierungen herausgegebenen Währungen zu schlagen.

Original source: https://bitcoinblog.de/2020/01/10/kryptowaehrungen-als-cyber-etatismus/

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