Kann Dogecoin das Zahlungsmittel des Internets werden?

Bitcoin hat sich nicht als Zahlungsmittel durchgesetzt, und die technischen Beschränkungen verhindern, dass dies in absehbarer Zukunft auch nur möglich sein wird. Könnte Dogecoin schaffen, woran Bitcoin gescheitert ist? Der Memcoin gibt Hoffnung – macht sich am Ende aber auch darüber lustig.

Einst, in einer Zeit, die nur ein paar Jahre her ist, erwarteten die meisten Bitcoin-Fans, dass ihre Lieblingswährung bald den Siegeszug als Zahlungsmittel antreten werde.

Mit Bitcoin werde man im Internet bezahlen, bei Amazon und bei jedem anderen kleinen Shop, live im Einzelhandel und im Supermarkt; ja, Bitcoin werde ganz neue Zahlungsmodelle verwirklichen, etwa das Mikropayment für Zeitungsartikel.

Diese Pläne von, sagen wir, 2014, sind heute krachend gescheitert. Weder wurde die Option, mit Bitcoin zu bezahlen, in den Shops, die sie anboten, mehr als nur sporadisch genutzt, noch hat sich die Anzahl der Akzeptanzstellen seit 2014 signifikant erhöht. Gefühlt kamen in Deutschland zwei bis drei Shops hinzu, während ein Dutzend gegangen ist. Die Akzeptanz im Handel ist nicht auf dem Vormarsch, sondern auf dem Rückzug.

Woran liegt das? Die einen sagen, es läge daran, dass der Bitcoin-Kurs so stark schwankt. Wer wolle schon eine Währung mit so unbeständigem Wert annehmen? Andere beziehen sich auf das Greshamsches Gesetz und meinen, keiner wolle seine kostbaren Bitcoins anstatt der wertlosen Euronen ausgeben.

Ohnehin sei das Bezahlen ein längst gelöstes Problem; Mikropayment scheitere nicht an den technischen Möglichkeiten, sondern an den mentalen, da es die Menschen überfordere, ständig wegen 2-3 Cent nachzudenken, ob es sich lohnt, etwas zu bezahlen.

Wie Bitcoin den eigenen Erfolg sabotiert

Manch einer hält aber weiterhin an dem Ideal fest, mit einer unabhängigen Kryptowährung überall bezahlen zu können. Wer Bitcoin liebt und den Euro verabscheut, dem wird es am liebsten sein, die bunten Scheinchen gar nicht mehr in die Hand nehmen zu müssen. Bitcoin ist erst im Leben angekommen, wenn man alles damit bezahlt, was man kaufen kann. Alles andere bedeutet, auf halbem Wege steckengeblieben zu sein.

Für diese Leute sind die oben genannten Probleme nur ein Teil der Wahrheit. Denn ebenso drückend – wenn nicht noch drückender – wirken die technischen Beschränkungen Bitcoins. Wie man ja hinlänglich weiß, stemmt Bitcoin nur 3-4 Transaktionen je Sekunde, und damit kann man offensichtlich nicht großflächig die Zahlungen des Handels abwickeln. Schlimmer noch: Die Kapazität ist schon längst ausgereizt. Jedes weitere Wachstum, jede weitere Zahlung, jede weitere Akzeptanzstelle wird lediglich die Transaktionsgebühren hochtreiben. Das Bitcoin-System verhindert selbst effektiv, dass es Erfolg haben wird.

Die Liquid-Sidechain mag die eine oder andere Transaktion je Minute hinzufügen, die von Börse zu Börse fließt, hat sich aber bisher nicht einmal in dieser Nische ansatzweise durchgesetzt. Das Lightning Netzwerk könnte, theoretisch, Hunderte oder Tausende von Transaktionen je Sekunde hinzufügen, ist aber in der praktischen Nutzung weiterhin eine Katastrophe, die selbst erfahrene User abschreckt. Insgesamt gibt es derzeit wenig Aussichten, dass Bitcoin aufhört, die eigene Akzeptanz im Handel zu sabotieren.

Daher bleibt nur noch eine Hoffnung: Kann ein anderer Coin leisten, was Bitcoin nicht leisten kann?

Der sympathische Herr Dogecoin

Die Nummer 2 im Ranking der Kryptowährungen, Ethereum, leidet an denselben Problemen wir Bitcoin. Die Gebühren sind schon jetzt irrsinnig hoch, sogar noch viel höher als bei Bitcoin. Der Wechsel zu Ethereum würde die Situation nicht verbessern, sondern verschlimmern.

Was man nun bräuchte, wäre ein Coin, der wie Bitcoin ist, aber mehr Transaktionen transportiert, und ein Coin, der einen unverbrauchten, sauberen Ruf hat. Ein Coin, der schnell ist und ein Sympathieträger. Anders gesagt: man bräuchte eine Kryptowährung wie Dogecoin. Oder?

Dogecoin als Memecoin ist erstens sympathisch: Wer kann schon den süßen Shiba Inu nicht mögen? Da Kryptowährungen zu 10 Prozent Technologie und zu 90 Prozent Marketing sind, hat Dogecoin damit die perfekte Grundlage, allgemeine Verbreitung zu finden.

Zeitens basiert Dogecoin auf exakt derselben Technologie wie Bitcoin. Das macht es so bestechend einfach, Dogecoin in eine Wallet zu bringen, etwa in Electrum, in eine Payment-Software, wie den BTCPayServer, oder in einen Blockexplorer wie blockchair.com.

Und drittens hat Dogecoin zwar dasselbe Blocksize-Limit wie Bitcoin, kann aber wegen der viel geringeren Blockintervalle etwa zehn Mal so viele Transaktionen verarbeiten.

Perfekt, oder? Zumindest klingt es nach einem guten Start. Wäre es denkbar, dass sich das Internet schlichterdings darauf einigt, Dogecoin zur Kryptowährung für Zahlungen zu machen? Es wäre der perfekte Spott auf all jene technik-fixierten Entwickler und User, die sich auf immer komplexere technischer Quasi-Optimierungen einschießen – Cardano, IOTA, Avalanche, Polkadot, Steem, EOS, Solana und so weiter – nur um die neuen Spitzen des Fortschritts ungenutzt im Ranking der Kryptowährungen zu versenken.

Wenn es am Ende Dogecoin wird, könnte das beweisen, dass unser Leben eine Simulation ist – und dass die KI dahinter Humor hat. Das wäre nicht die schlechteste Metaphysik, die wir kriegen könnten.

Aber aber aber …

Nichts geht ohne Aber, keine Rechtfertigung, kein Lob, keine Entschuldigung, keine Zustimmung, kein Widerspruch. Das „Aber“ bei Dogecoin ist aber ziemlich groß.

Denn erstens reproduziert der Memecoin all die Schwächen von Bitcoin: Der Preis ist noch volatiler, die Verteilung der Coins unter den Usern noch viel ungleicher, die Bekanntheit noch geringer, die Verbreitung in Handel und in anderer Software noch weniger weit … Wenn man nicht gerade annimmt, dass die Welt es kaum erwarten kann, endlich eine Kryptowährung fürs Bezahlen zu verwenden, und dass sie bisher nur von Bitcoins geringer Kapazität davon abgehalten wird – dann verbessert Dogecoin die Chancen nicht, sondern verschlechtert sie.

Und vor allem: Dogecoin treibt das Mantra, dass Kryptowährungen 90 Prozent Marketing und 10 Prozent Technik sind, ins Absurde. Denn Dogecoin basiert auf der Bitcoin-Software von 2013. Das war damals in Ordnung, wurde seitdem aber kaum mehr weiter entwickelt und ist heute hoffnungslos veraltet. Die Entwicklung bei Dogecoin liegt seit Jahren brach.

Berichten zufolge dauert es Monate, wenn nicht Jahre, bis man einen Dogecoin-Node synchronisiert. Die Software ist viel zu langsam, um all die Blöcke und Transaktionen zu verifizieren. Diese Schwäche des Programms macht es auch höchst fraglich, ob Dogecoin tatsächlich in der Lage sein wird, das Kapazitätslimit von 30-40 Transaktionen je Sekunde auch tatsächlich auszureizen. Vermutlich wird das echte Limit deutlich tiefer liegen, zumindest bei einer dauerhaften Belastung.

Vielleicht besteht eine Kryptowährung wirklich nur zu 10 Prozent aus Technologie. Aber wenn diese 10 Prozent nicht einmal „gut genug“ ist, sondern „ungenügend“ – dann helfen die restlichen 90 Prozent exzellentes Marketing auch nicht weiter.

Indem Dogecoin zur viertwertvollsten Kryptowährung aufstieg, ohne technisch auch nur annährend auf dem Stand der Zeit zu sein, macht sich der Memecoin nicht nur über Werte an sich lustig – er verspottet auch die Fixiertheit der Szene auf Technologie.

Aber als Kryptowährungen fürs Bezahlen ist Dogecoin nicht so sehr geeignet. Wer das sucht, dürfte derzeit mit Coins wie Bitcoin Cash, Litecoin oder Ripple nach wie vor am besten fahren. Technik ist nur ein kleiner Teil der Story – gehört aber dennoch dazu.

Original source: https://bitcoinblog.de/2021/05/11/kann-dogecoin-das-zahlungsmittel-des-internets-werden/

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