Es droht ein neuer Krieg gegen Verschlüsselung – und Australien bildet die erste Front

Die sogenannten Five Eyes sowie Indien und Japan starten mit einem gemeinsamen Statement eine neue Kampagne gegen Verschlüsselung. Das erste Opfer dieser Wiederauflage der „Crypto Wars“ könnten Privacy Coins wie Monero, Dash oder Zcash sein.

Für Regierungen ist Verschlüsselung seit jeher Fluch und Segen. Einerseits ist es natürlich praktisch, die eigenen Geheimnisse vor den neugierigen Blicken ausländischer Feinde und inländischer Naseweise zu verbergen. Andererseits ermöglicht starke Verschlüsselung den Bürgern selbst, sich der Beobachtung durch die Regierung zu entziehen, was, trotz aller Bekenntnisse zum Datenschutz, doch nicht ganz erwünscht ist.

Gute Verschlüsselung und böse Verschlüsselung

Ein gemeinsames Statement der sogenannten „Fünf Augen“ – das meint die USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland – sowie Japan und Indien bringt diese ambivalente Unzufriedenheit mit der Verschlüsselung zum Ausdruck:

Einerseits unterstütze man „starke Verschlüsselung“, da diese „eine bedeutende Rolle dabei spielt, persönliche Daten, die Privatsphäre, Urheberrechte, Handelsgeheimnisse und die Cybersicherheit zu schützen.“ Darüber hinaus schütze starke Verschlüsselung in repressiven Staaten „Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und andere verletzliche Menschen“. Sie sei daher „ein existenzieller Anker des Vertrauens in der digitalen Welt“.

Aber … aber … man kann auch zu arg verschlüsseln! Es gibt gute, und es gibt böse Verschlüsselung. „Spezielle Implementierungen der Verschlüsselungstechnologie stellen eine signifikante Herausforderung dar für die öffentliche Sicherheit, darunter auch die verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft wie Kinder, die sexuell missbraucht werden.“ Daher fordern die Regierungen die Unternehmen auf, „auf unsere ernsthaften Bedenken zu reagieren, wenn Verschlüsselung in einer Weise angewandt wird, dass sie jeden legalen Zugriff auf den Inhalt vollständig verhindert.“

Das Verhindern des Zugriffs auf den Inhalt unter allen Bedingungen ist zwar exakt der Sinn und Zweck von starker Verschlüsselung. Entweder man kann sie brechen, oder man kann es nicht; entweder Big Brother kann mitlesen, oder er kann es nicht. Darüber, dass es bei Verschlüsselung keine Grauzone gibt, sondern nur harte Mathematik, schrieben schon die Cypherpunks in den 90ern (siehe dazu das Kapitel zur „kryptographischen Kluft“ in meinem Buch über Bitcoin).

Dennoch fordern die Regierungen alle Tech-Unternehmen auf, zusammen mit ihnen die folgenden technischen Lösungen umzusetzen: Sie sollen in der Lage sein, gegen illegale Inhalte vorzugehen, etwa diese zu löschen, und Inhalte auf Wunsch in lesbarer Form an die Strafverfolgung weiterzugeben.

Offensichtlich macht die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, wie sie beispielsweise von Messangern wie Signal angewandt wird oder Teil jeder sinnvollen E-Mail-Verschlüsselung durch PGP ist, diese Wünsche grundsätzlich unmöglich. Sie „schließt einen gesetzmäßigen Zugang zur Kommunikation aus, was ernsthafte Risiken für die öffentliche Sicherheit mit sich führt“: Sie hindert Tech-Unternehmen daran, zu gewährleisten, dass ihre User sich an die Nutzungsbedingungen halten, und sie hindert die Polizei daran, Informationen für wichtige Ermittlungen einzuholen.

Daher sollen Tech-Unternehmen „Mechanismen in das Design ihrer verschlüsselten Produkte einführen, welche es Regierungen erlauben, Zugang zu den Daten in einem lesbaren Format zu erhalten.“ Ende-zu-Ende-Verschlüsselung soll also nur noch in einer Weise möglich werden, dass der Anbieter – und damit die Regierung – mitlesen kann. Die Unternehmen sollen also die berüchtigte Backdoor einbauen.

Australiens Gesetz gegen Verschlüsselung

Natürlich widerspricht dieses Anliegen dem Grundprinzip von Verschlüsselung so vollständig, dass all die Bekenntnisse zum Schutz der Privatsphäre, die das Statement voranstellt, zu reinen Worthülsen werden. Daher droht mit dieser Anweisung der Regierung der Ausbruch eines neuen „Krieges gegen die Verschlüsselung„, wie ihn die US-Regierung schon in den 90ern geführt (und verloren) hatte.

Oder sind wir schon mitten drin? Es scheint so, zumindest, wenn man nach Australien schaut.

Denn Australien hat schon Ende 2018 mit dem Assistence and Access Act bestimmt, dass Tech-Unternehmen die Staatsgewalrt dabei unterstützen soll, Inhalte der und Daten zur Kommunikation ihrer User einzusehen. Dazu gehörte auch die Aufforderung, auf Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zu verzichten und Backdoors einzubauen, welcher die Regierung Nachdruck verleihen kann, indem sie Unternehmen zwingt, Überwachungssoftware zu installieren.

Allerdings schien das Gesetz relativ unkonkret zu sein, weshalb sich zunächst nicht viel tat. Facebook blieb beispielsweise munter bei seinen Plänen, die Nachrichten in Whatsapp richtig zu verschlüsseln, weshalb sogar der Innenminister Peter Dutton das Unternehmen aufforderte, von diesen Plänen abzukommen und „zum Schutz unserer Bürger eine Methode zu implementieren, durch die es einen rechtmäßigen Zugang zum Inhalt der Kommunikation gibt.“

Facebook gab diesem Wunsch allerdings eine Absage. Ihn zu erfüllen würde bedeuten, eine Backdoor einzubauen, welche auch bösartigen Akteuren Zugang zu den Nachrichten geben könne.

Trotz der bisher offenbar mäßigen Erfolge scheint Australien zum Hardliner im neuen Krieg gegen Verschlüsselung zu werden. Dies wird auch durch eine verblüffende Entwicklung im Kryptomarkt bestätigt.

Privacy Coins, nicht länger für Australier

Ende August dieses Jahres haben mehrere australische Börsen die sogennannten Privacy Coins, vor allem Monero, Dash und Zcash, vom Handel genommen.

Die Börse Coinspot beispielsweise schreibt: „Ein regulatorisches Update von unseren Service-Providern hinsichtlich dieser Privacy Coins macht es für uns leider unmöglich, sie weiter zum Handel anzubieten.“ Ähnlich die Börse Swyftx, die ankündigt, „aufgrund von externem Druck durch die Regulierung und das Bankwesen“ alle Privacy Coins delisten zu müssen.

Während diese beiden Börsen in Australien beheimatet sind, ist Kraken eine amerikanische Börse. Doch auch diese hat Ende August den Handel mit sämtlichen Privacy Coins für Kunden aus Australien ausgesetzt. Als Grund nennt sie eher vage gehalten einen Mangel „an Unterstützung für diese Assets von unseren kommerziellen Partnern in Australien.“

Über die konkreten Gründe für das weitflächige Delisting herrscht weiterhin Unklarheit. Es gibt Vermutungen, dass dahinter Zahlungsdienstleister wie Assembly Payments stehen könnten, welche Fiatzahlungen mit Australischen Dollar abwickeln. Denkbar wäre aber auch, dass der Blockchain-Analyst Chainalysis, den die beteiligten Börsen wohl beauftragen, die Zahlungsströme zu beobachten, seine Finger im Spiel hat.

So oder so ist aber dennoch auffällig, dass die beteiligten „kommerziellen Partner“ gerade in Australien solche Probleme haben. Es mag vielleicht keinen direkten Zusammenhang zu Australiens Gesetz gegen Verschlüsselung geben – aber mit Sicherheit einen indirekten. Privacy Coins, könnte man vermuten, dienen als eine Art Frühwarnsystem für eine harte Gangart gegen digitale Freiheiten.

Original source: https://bitcoinblog.de/2020/10/21/es-droht-ein-neuer-krieg-gegen-verschlusselung-und-australien-bildet-die-erste-front/

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