„Diese Ankündigung ist keine Einladung zur Diskussion.“

ABC gegen alle anderen: Die Leitimplementierung von Bitcoin Cash (BCH) wird im November eine „Infrastruktur-Abgabe“ einführen, die im Ökosystem hochgradig umstritten ist. Dies wird voraussichtlich zu einer Spaltung der Blockchain führen.

Und es passiert erneut. Mit der Hardfork im November wird sich Bitcoin Cash (BCH) aller Wahrscheinlichkeit nach erneut spalten. Der Grund liegt darin, dass Bitcoin ABC darauf besteht, dass in Zukunft acht Prozent des Blockrewards an die Entwickler hinter der Leitimplementierung gehen – ein Plan, den das Ökosystem mit Empörung aufnimmt.

Im Prinzip ist die Geschichte rasch erzählt: Eine Partei will etwas, die andere Partei will es nicht. Nun können Verhandlungen folgen, eine Seite kann nachgeben, man kann sich auf einen Kompromiss einigen. Wenn das nicht funktioniert und keiner nachgeben will, geht man eben getrennte Wege. Etwa das passiert bei Bitcoin Cash: Bitcoin ABC, die Leitimplementierung von Bitcoin Cash unter Amaury Sechet, hat schon im Frühjahr angekündigt, eine „Miner-Steuer“ einzuführen, durch die ein bestimmter Anteil des Block-Rewards an „Infrastruktur-Entwickler“ wie Bitcoin ABC geht. Die Ankündigung hat damals hohe und wutschäumende Wellen geschlagen, weshalb sie vermeintlich vom Tisch war. Zumindest hat kein Miner die „Abgabe“ nach der Hardfork im Mai aktiviert.

Nun macht ABC es aber wieder. Der in der Community mittlerweile in Ungnade gefallene Amaury Sechet kündigt am sechsten August die Pläne von ABC für die November-Hardfork an. Darin erklärt er, „das System, das die maximale nachhaltige Netzwerksicherheit bietet“, sei das, „in dem die Entwickler der Mining-Node-Implementierung ihr Einkommen direkt durch den Blockreward erhalten.“ Weil ein solches Arrangement den Wert des Netzwerks erhöhe, plant Bitcoin ABC im November eine Regel einzuführen, „die die Anreize für Bitcoin ABC vollständig mit der Nachhaltigkeit und Sicherheit des Netzwerks in Einklang bringt“:  Jeder neu erzeugte Block muss einen Output enthalten, der acht Prozent des Block-Rewards an eine bestimmte Adresse sendet. Diese Adresse gehört vermutlich ABC.

Insgesamt würde ABC so im Jahr 26.280 Bitcoin Cash einnehmen, was bei den derzeitigen Preisen etwa 6,5 Millionen Euro wären.

Le BCH, c’est mois

Amaury weiß, dass „einige“ es bevorzugen würden, dass ABC diese „Verbesserung“ nicht implementiert. Aber „diese Ankündigung ist keine Einladung zur Diskussion. Die Entscheidung wurde gefällt und wird mit dem Upgrade im November aktiviert.“

Damit entblößt Amaury sein Selbstverständnis: Er ist Bitcoin Cash. Wenn er Geld erhält, steigert das den Wert von Bitcoin Cash, und wenn er sich entschieden hat, ist die Diskussion vorüber.

Dabei untertreibt Amaury gewaltig, wenn er meint, dass „einige“ nicht einverstanden wären. Im Grunde ist das gesamte Ökosystem gegen die Abgabe: Von Bitcoin.com bis zu Read.Cash, von Electron Cash zu CashShuffle, von SLP-Token zu Member.Cash, von Bitcoin Unlimited zu BCHN, BCHD und Flowee the Hub und zu Investoren wie Marc de Messel, und so weiter. Auch unter den Minern stimmt bisher niemand für die Abgabe, doch einige klar dagegen. Dies äußern sie, indem sie die relativ neue Implementierung BCHN benutzen, die als Reaktion auf den „Steuer“-Vorschlag im Frühjahr gegründet wurde.

Im Grunde gibt es niemand außer den ABC-Entwicklern, Vin Armani von CoinText (das mittlerweile den Service in den meisten Ländern eingestellt hat) sowie Tobias Ruck von be.cash (das es noch gar nicht gibt), die die Abgabe nicht vehement ablehnen.

Es handelt sich hier nicht um eine Situation wie 2017, als sich Bitcoin Cash von Bitcoin (BTC) abgespalten hat. Damals wollte ein nicht unerheblicher Teil des Ökosystems eine größere Blocksize, während ein noch größerer Teil dies vehement ablehnte. Auch im Herbst 2018, als sich Bitcoin SV (BSV) von Bitcoin Cash (BCH) abspaltete, stand ein nicht unerheblicher Teil des BCH-Ökosystems hinter Bitcoin SV, darunter Wallets, Entwickler, Startups, die Community und mehr. Heute, im Jahr 2020, steht Bitcoin ABC mit der Abgabe weitgehend alleine da, während so gut wie 100 Prozent der Akteure, die Bitcoin Cash lebendig machen, sie unumstößlich ablehnen. Ein Bitcoin Cash ohne diese Community wäre ein toter Coin.

Wenn dem so ist – wenn alle Welt gegen die Abgabe ist und niemand dafür – wie kann es dann sein, dass sie die BCH-Blockchain spalten wird? Wäre es nicht der natürliche Gang der Dinge, dass Amaury nicht bekommt, was er möchte, und das, so schwer es ihm fallen mag, einsehen muss und,  wie gefordert wird, zurücktritt?

So wäre es unter normalen Bedingungen. Bei einer Blockchain greift nun aber ein besonderer Mechanismus, den nicht jeder versteht: Der Unterschied zwischen einer Softfork und einer Hardfork.

Die komplexe Logik von harten und weichen Gabeln

Eine Hardfork bedeutet, dass man eine Regel abschafft oder ändert. Wenn man beispielsweise bestimmt, dass das Limit von 8 Megabyte je Block nicht länger gilt. Oder wenn man sagt, dass ein neuer Op_Code erlaubt sein wird (was im Grunde bedeutet, dass man die Regel, was NICHT erlaubt ist, lockert).

Eine Softfork dagegen fügt dem Protokoll neue Regeln hinzu. Wenn man beispielsweise ein Limit für die Blocksize einführt, einen bestehenden Op_Code verbietet oder eben die Regel verhängt, dass jeder neu erzeugte Block eine Transaktion an eine bestimmte Adresse enthalten muss.

In der Wirklichkeit sind die Unterschiede zwischen Hard- und Softforks oft verwaschen. Die halbjährlichen Protokoll-Upgrades von Bitcoin Cash etwa vermischen in der Regeln Hard- und Softforks, und bei Bitcoin (BTC) gilt die Politik, nur Softforks durchzuführen, auch wenn diese, wie bei SegWit oder Taproot, durch clevere Tricks etwas Neues einführen anstatt etwas Bestehendes strenger zu reglementieren.

Dabei aber darf man einen enorm wichtigen Unterschied nicht aus den Augen verlieren: Eine Hardfork ERLAUBT etwas, während eine Softfork etwas VERBIETET. Damit bleibt eine Hardfork an sich kompatibel mit der Blockchain vor der Hardfork: Wenn es erlaubt ist, 70 Stundenkilometer zu fahren, darf ich weiterhin nur 50 fahren, und wenn es erlaubt ist, im Biergarten zu rauchen, darf ich auch nichtrauchen. Bei Bitcoin gilt nun, dass die Knoten die Blockchain als die „wahre“ anerkennen, welche erstens die Regeln einhält und zweitens die meiste Hashing-Power hinter sich hat. Das führt zu interessanten Folgen:

Eine Hardfork bei Bitcoin (Cash) erzeugt nämlich nur dann eine neue Blockchain, wenn die Mehrheit der Miner sie implementiert. Wenn weniger als 50 Prozent der Miner es akzeptieren, dass Blöcke größer als 8 Megabyte sind, wird die Blockchain, die eine solche Blocksize verbietet, mehr Mining-Power hinter sich haben und „die längere“ Blockchain bleiben – während beide Seiten sie als legitim anerkennen. Es wird niemals zu einer Spaltung der Blockchain kommen.

Eine Softfork dagegen schließt die „alte“ Blockchain sofort aus: Die Clients erkennen einen Block, der gegen die neue Regel verstößt, schlicht nicht an. Daher reicht es aus, wenn ein einzelner Miner die Softfork umsetzt, um eine neue Blockchain zu schaffen. Schließlich wird sie, selbst mit einer Minderheit an Mining-Power, die längste Chain mit den entsprechenden Regeln sein. Eine Softfork hebelt quasi den Konsens durch die Miner aus. Sie ist das perfekte Werkzeug, um eine Blockchain zu spalten.

Drei Szenarien

Die Mechanik der Softforks eröffnet drei Szenarien für Bitcoin Cash: (1) Kein Miner setzt die Abgabe um. In dem Fall bleibt alles beim Alten und es wird keine Abgabe geben. (2) Eine Minderheit der Miner setzt die Abgabe um. Das ist derzeit am wahrscheinlichsten. In dem Fall wird es eine Spaltung der Blockchain geben. (3) Eine Mehrheit der Miner entscheidet sich für die Abgabe an ABC. In dem Fall wird die Blockchain, die diese Abgabe nicht bezahlt, ausgelöscht.

Das dritte Szenario bringt eine perfide Mechanik ins Spiel: Für die Knoten, die die Abgabe nicht mittragen, ist die Blockchain, auf der die Abgabe existiert, weiterhin gültig. Ihr erinnert euch: Wenn ich freiwillig Schrittgeschwindigkeit fahre, obwohl 30 erlaubt ist, mache ich nichts illegales. Da auch die Knoten, die die Abgabe nicht umsetzen, sowohl die Blockchain mit als auch die ohne Abgabe für „legal“ halten, wählen sie die, die mehr Hashing-Power hinter sich hat. Sollte dies die ABC-Chain sein, wird die alte BCH-Chain einfach ausgelöscht. Dies ist die Logik, auf der seinerzeit die „User Activated Soft Fork“ (UASF) baute.

Allerdings ist das dritte Szenario extrem unwahrscheinlich. Schließlich steht hinter der Blockchain ohne Abgabe fast das gesamte Ökosystem, weshalb anzunehmen ist, dass dieser Coin mehr Wert haben wird. Und mehr Wert bedeutet mehr Hashpower.

Original source: https://bitcoinblog.de/2020/08/24/diese-ankuendigung-ist-keine-einladung-zur-diskussion/

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