Die unregulierbaren Pyramidenspiele auf Ethereum

Die Absichten mögen gut sein, doch das Ergebnis ist recht eindeutig: Die Smart Contracts von Ethereum werden derzeit dafür genutzt, um Pyramidenspiele aufzubauen, die nicht reguliert werden können. Mit Fomo3D und PoWH3D sind gleich zwei solcher Pyramidenspiele unter den Top-Dapps von Ethereum. Eines droht gar, alle existierenden Ether zu verschlingen.

Alchemisten haben versucht, Eisen oder Blei in Gold zu verwandeln. Weil das nicht geklappt hat, haben sie ihren Auftraggebern durch windige Tricks vorgegaukelt, die Transformation der Metalle habe geklappt, um ihr Honorar zu erhalten. Man könnte sagen, dass sich derzeit eine moderne Version dieser Geschichte auf Ethereum abspielt.

Die “Dapps” – dezentrale Anwendungen bzw. Apps – sollten eigentlich allerlei Prozesse von Mittelsmännern befreien und Sicherheit gewähren, dass keine zentralen Stellen die Dinge manipulieren. In gewisser Weise geschieht dies auch tatsächlich – nur eben in einem Bereich, den sich die Ethereum-Gründer vermutlich nicht eben gewünscht haben: In finanziellen Tricksystemen und Pyramidenspielen.

Top-Dapps auf Ethereum. Quelle: DappRadar

Man könnte sagen, die letzten Wochen markieren einen Wendepunkt in der Geschichte von Ponzi-, Schneeball- und Pyramidenspielen: den Moment, in dem sich diese für immer dem Zugriff der Regulierungsbehörden entziehen. Die Ponzispiele des von Ethereum begründeten Web3.0 lassen sich nicht mehr kontrollieren, verbieten oder abschalten.

Fomo3D: Schneeball oder Schwarzes Loch?

Das erste derzeit heiße Schneeballsystem auf Ethereum ist Fomo3D. Das Spielprinzip ist relativ einfach erklärt: Jeder zahlt in einen Topf ein, und der letzte, der in diesen Topf einzahlt, bekommt alles, was drin ist. Daneben gibt es noch einige Modifikationen, die vermutlich die Mitspieler motivieren sollen, so dass es etwa kleine Teilauszahlungen dafür gibt, wenn man etwas eingezahlt hat. Die Webseite des Spiels nennt die Einzahlung “einen Schlüssel kaufen.” Aber ich glaube, das spielt keine große Rolle.

Die Webseite von Fomo3D läuft unter der Domain exitscam.me. Sie spielt auf den berühmten Exit Scam in den Darknet-Markets an: Die Administratoren der Seite tauchen unter und nehmen alles mit, was in ihren Wallets ist. Beispiele dafür waren Evolution und Nucleus. Ein Mitglied der DAO, die der Fomo3D-Smart-Contract bildet, wird ebenfalls einen Exit Scam abziehen: Derjenige, der den letzten Schlüssel gekauft hat, wird den kompletten Topf auscashen.

Spieltheoretisch ist Fomo3D brillant. Je größer der Topf, desto größer die Motivation, die anderen nicht damit durchkommen zu lassen, alles abzuräumen. Ab einem gewissen Punkt wird die Fomo – “Fear of Missing out”, “die Furcht, etwas zu verpassen” – dafür sorgen, dass irgendjemand immer weiter einzahlt und den Contract am Leben erhält. Wie ein schwarzes Loch wird Fomo3D so lange Ether verschlingen, bis der letzte das Licht ausknippst bzw. den Exit Scam vollendet. Im konventionellen Finanzwesen ist ein solches Spiel nur begrenzt möglich, da es immer jemanden gibt, der Kontrolle über den Topf mit Geld hat und das Spiel, freiwillig oder auf Zwang, abbricht, wenn es zu weit geht. Mit einem Smart Contract gibt es keine solche Instanz. Es ist theoretisch denkbar, dass Fomo3D alle existierenden Ether frisst.

Bisher sind gut 21.600 Ether – knapp neun Millionen Euro – im Fomo3D-Contract gebunden. Im Ranking der Dapps ist das Schneeballsystem derzeit auf dem dritten Platz. In den letzten 24 Stunden hatte es fast 2000 User und ein Volumen von rund 124 Ether. Damit sinkt die Popularität von Fomo3D bereits, wenn man es mit der letzten Woche vergleicht, in der das Volumen fast 90.000 Ether in mehr als 100.000 Transktionen betragen hat.

Ob der Contract aber jemals geleert wird, ist eine offene Frage. Ich bin gespannt, wie es ausgeht. Wird Fomo3D ein schwarzes Loch, das immer mehr Ether aufsaugt – oder wird es eine Lotterie werden, bei der jemand einmal gewinnt, weil alle anderen das Interesse verlieren?

PoWH3D: Offensichtlich eine Pyramide

Nicht weniger brillant ist PoWH3D. Wie Fomo3D wurde auch dieses Pyramidenspiel von Team Just entwickelt und läuft als unzerstörbarer und unaufhaltbarer Smart Contract auf Ethereum.

Offiziell verkauft sich PoWH3D als “einzigartige Börse”, auf der man Ether gegen P3D-Token tauschen kann. P3D-Token sind ERC20-Token mit einer Modifikation: “Jeder Besitzer von P3D Token erhält immer dann direkte Einnahmen in Ether, wenn jemand anderen Token kauft, verkauft oder handelt.” Die Menge der Einnahmen bemisst sich an der Menge der Token in Relation zum gesamten Angebot an Token.

Webseite von PoWH3D

Besitzer der Token verdienen also, wenn sie andere User auf die Börse von P3D bringen. An sich orientiert sich das Modell an Altcoin-Börsen wie Binance oder Coinex.com (hier mein Affiliate Link), die eigene Token herausgegeben haben, mit denen die Shareholder an den Einnahmen der Börse mitverdienen. Der Unterschied ist jedoch, dass der Smart Contract von PoWH3D nur den Handel zwischen P3D-Token und Ether ermöglicht. Sprich: Um zu verdienen, muss man einen anderen Ether-Besitzer überzeugen, seine Ether gegen P3D-Token zu tauschen.

PoWH3D steht für “Proof of Weak Hands” und spielt darauf an, dass die “schwachen Hände” einmal verkaufen werden. Die Dapps begann als Witz und präsentiert sich unverhüllt als Pyramidenspiel. Anfangs haben die Macher sogar noch darauf hingewiesen, dass die User ihr Geld verlieren werden, weil das bei jedem Pyramidenspiel am Ende so läuft. Aber mittlerweile wurde PoWH3D ungeheuer beliebt.

Auf dem Smart Contract lagern derzeit gut 76.600 Ether – rund 31 Millionen Euro. Mit mehr als 2000 Usern und einem Volumen von gut 4200 Ether in den letzten 24 Stunden ist PoWH3D die derzeit aktivste Dapp auf Ethereum.

Brutal und primitiv, aber unaufhaltbar

Sowohl PoWH3D als auch Fomo3D sind Pyramiden- bzw. Schneeballsysteme, die zwangsläufig Vermögen auf eine Weise umverteilen, die zu Zentralisierung führt. Dies haben sie mit allen Pyramidenspielen gemein. Anders als diese entziehen sie sich jedoch dem Zugriff von Regulieren und Aufsehern.

PoWH3D macht keinen Hehl daraus, dass es sich um ein Pyramidenspiel handelt.

Derzeit ist das Volumen der beiden Pyramidenspiele noch überschaubar. Vergleichbarer Konzepte wie OneCoin oder MMM haben deutlich mehr Kapital auf die Waage gebracht, bevor ihre Reichweite von den Gesetzgebern immer weiter beschränkt wurde. Insbesondere MMM hat sich durch seine starke Kritik am Kapitalismus und dem solidarischen Narrativ als eine Art Sozialversicherung für die dritte Welt präsentiert. Tatsächlich, könnte man sagen, sind Sozialversicherungen und das Fiatgeld auch nicht viel mehr als ein staatlich sanktioniertes und stabilisiertes Pyramidenspiel, und dort, wo es keine staatliche Grundsicherung gibt, können pyramidenartige Konstrukte tatsächlich solche Aufgaben übernehmen, indem sie einen großen Teil der Gelder aus dem Verkehr ziehen, aber bei Bedarf eine Abhebung des Vielfachen des eingezahlten Betrags gestatten.

Von solchen Ideen sind PoWH3D und Fomo3D noch weit entfernt. Hier handelt es sich um brachiale und stupide, aber clever aufgebaute und frech inszenierte Schneeballsysteme, die keine andere Funktion erfüllen, als das Geld von vielen zu nehmen und an wenige zu geben. Einen Meilenstein stellen sie dennoch dar – sie sind die ersten dezentralen, unaufhaltbaren Pyramidenspiele, die eine einigermaßen relevante Reichweite bekommen haben. Das war nicht die Innovation, die wir uns gewünscht haben, aber es ist ohne Zweifel etwas neues. Man möchte nicht in der Haut der Aufsicht stecken, wenn das Phänomen sich weiter ausbreitet …

Original source: https://bitcoinblog.de/2018/07/26/die-unregulierbaren-pyramidenspiele-auf-ethereum/

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