Bundesfinanzministerium veröffentlicht Entwurf für steuerliche Behandlung von Kryptowährungen: „Keine Langeweile für Berater“

Für eine lange Zeit blieb die steuerliche Behandlung von vielem rund um Kryptowährungen im Vagen: Was ist mit Staking, Lending, Airdrops? Wie sind Forkcoins zu behandeln? Kann sich die Haltefrist unter bestimmten Umstände auf zehn Jahre erhöhen? Nun schafft das Bundesfinanzminsiterium Klarheit. In einem Entwurf für einen Leitfaden klärt es zahlreiche der noch in der Schwebe befindlichen Fragen. Manches zu eurem Vor-, manches zu eurem Nachteil.

Manche Dokumente sollte man kennen, wenn man in Deutschland mit Kryptowährungen zu tun hat. Der Entwurf eines Leitfadens, den das Bundesfinanzministerium nun veröffentlicht hat, gehört zu diesen Dokumenten. Er ist nicht eben eine leichte oder erbauliche Lektüre, aber dafür eine, die für euch wichtig werden könnte.

Erarbeitet habe ihn das Finanzministerium gemeinsam mit den obersten Finanzbehörden der Länder, erklärt das Ministerium bei der Präsentation. Das Schreiben solle abklären, wie die „ertragsteuerliche Behandlung von Token im Allgemeinen und virtuellen Währungen wie z. B. Bitcoin im Speziellen“ zu handhaben ist. Derzeit werden noch die betroffenen Verbände angehört, und das Schreiben wird noch mit den obersten Finanzbehörden der Länder abgeglichen werden. Aber im großen und ganzen sei zu erwarten, schreibt Steuerberater Rüdiger Quermann, dass sich die große Linie nicht ändere.

Genutzt werden solle dieses Dokument, so das Bundesfinanzministerium, von „den Praktikern in Verwaltung und Wirtschaft und dem einzelnen Steuerpflichtigen“ als „Leitfaden zur ertragsteuerlichen Behandlung von Token und virtuellen Währungen“. Damit geht die Schonphase zu Ende, in der Krypto-Angelegenheiten noch Auslegungssache waren und sich der Steuerpflichtige darauf berufen konnte, dass es an klaren Regeln mangele. Diese Unklarheit war, wie uns schon Steuerberater Martin Figatwski erklärte, für viele mehr Segen als Fluch.

Was genau steht nun in dem Leitfaden drin? Das Dokument ist 24 Seiten lang, von denen jedoch etwa 8 der Begriffsklärung dienen: Was sind virtuelle Währungen, Token, Forks, Airdrops, Wallets, ICO und so weiter. Danach nimmt es eine „ertragssteuerrechtliche Einordnung“ mehrerer Vorgänge vor: des Minings, der Veräußerung, dem Zufluss an Token und Coins durch Forks, Initial Coin Offerings (ICOs), Staking, Lending und Airdrops. Was noch fehlt, ist DeFi; offenbar wagen sich die Finanzbehörden noch immer nicht an dieses Thema heran, vielleicht auch deswegen, weil es die ohnehin schon verfahrene Lage noch weiter verkomplizieren würde.

Und an Komplexität mangelt es schon heute nicht. Das zeigt bereits die Einleitung zur ertragssteuerrechtlichen Einordnung: „Einkünfte aus Tätigkeiten im Zusammenhang mit Einheiten einer virtuellen Währung und mit Token“ können, je nach Umstand, „Einkünfte aus Gewerbebetrieb im Sinne des § 15 EStG, Einkünfte aus nichtselbständiger Tätigkeit im Sinne des § 19 EStG, Einkünfte aus Kapitalvermögen im Sinne des § 20 EStG, Einkünfte aus privaten Veräußerungsgeschäften im Sinne des § 22 Nummer 2 EStG in Verbindung mit § 23 EStG oder sonstige Einkünfte im Sinne des § 22 Nummer 3 EStG“ sein. Es gibt also sechs Varianten, wie ihr das, was ihr rund um Krypto verdient, versteuern müsst.

Mining

Die steuerliche Behandlung des Minings ist komplex. Einen Unterschied zwischen Proof of Work und Proof of Stake macht das Schreiben dabei nicht, beide Vorgänge gelten als Mining.

Einnahmen aus dem Mining können sowohl privat als auch betrieblich verbucht werden. Bei Operationen in größerem Umfang sowie plausiblen dauerhaften Profitchancen ist wohl von betrieblichen Einnahmen auszugehen, was den Vorteil hat, dass man die Mining-Geräte zu günstigen Konditionen abschreiben kann.

Bei betrieblichem Mining gelten die geschürften Coins als Anschaffung im Umlaufvermögen. Der Wert ist natürlich der Marktpreis zum Zeitpunkt des Minings. Im Sinne einer auch für Privatleute möglichen Einnahmenüberschussrechnung zählen die durch Mining erwirtschafteten Coins als Betriebseinnahme, konkreter und formalisierter: „als mit Wertpapieren vergleichbare nicht verbriefte Forderungen und Rechte als Wirtschaftsgüter“.

Veräußerungen von Kryptowährungen

Etwas einfacher ist der Verkauf von Coins. Hierzu war das meiste schon vor dem Schreiben weitgehend bekannt: Findet der Verkauf im Rahmen einer geschäftlichen Tätigkeit statt, sind die dabei eingenommenen Euro als Betriebseinnahmen anzugeben, abzüglich der Anschaffungskosten. Wenn diese nicht zu ermitteln sind, erlaubt das Schreiben auch eine Bewertung durch durchschnittliche Kosten.

Im privaten Bereich hingegen sind Einheiten von virtuellen Währungen wie gehabt als „anderes Wirtschaftsgut“ zu betrachten, deren Bewertung sich nach dem Marktpreis richtet. Gewinne – oder auch Verluste! – aus der Veräußerung solcher privat gehaltener Kryptowährungen stellen daher „Einkünfte aus privaten Veräußerungsgeschäften“ dar (oder eben Verluste) – sofern man sie nicht länger als ein Jahr gehalten hat. Dabei gilt es nicht nur als Veräußerung, wenn eine Kryptowährung gegen Fiatgeld verkauft wird, sondern auch, wenn sie gegen Waren, Dienstleistungen oder andere Kryptowährungen getauscht wird.

Sachaufgabe aus dem Leitfaden. Wie hoch ist die Steuerschuld?

Die Berechnung von Gewinn und Verlust bei einem Verkauf ist an sich einfach. Als Verkaufserlös gilt das vereinbarte Entgelt, also der Preis, zu dem man verkauft. Tauscht man eine Kryptowährung hingegen gegen eine andere, gilt deren Marktwert (in Euro) als Verkaufserlös. Davon darf man natürlich die Transaktions- oder Tauschgebühren abziehen.

Grundsätzlich ist für die Ermittlung der Haltedauer die Einzelbetrachtung möglich. Man kann aber auch der Einfachkeit wegen das „First in First out“-Prinzip (FiFo) beanspruchen, bei dem davon ausgegangen wird, dass die zuerst angeschaffenen Coins auch zuerst ausgegeben werden. Das einmal gewählte Prinzip muss für die gesamten Coins einer Kryptowährung in einer Wallet gelten; bei verschiedenen Kryptowährungen und verschiedenen Währungen kann die Methode aber gewechselt werden. Wer fleissig ist, dürfte dadurch Steuern sparen können.

Die Einnahmen aus privaten Veräußerungsgeschäften bleiben dabei steuerfrei, wenn sie weniger als 600 Euro in einem Jahr betragen.

Die Verlängerung der 1-Jahres-Frist durch Staking, Lending und DeFi

Die 1-Jahres-Regel gilt allerdings nicht immer. Sie wird außer Kraft gesetzt, „wenn Einheiten einer virtuellen Währung oder Token als Einkunftsquelle genutzt werden“. Diese Regelung war bisher schon im Gespräch, ist aber in dieser Verbindlichkeit neu. Sie dürfte für viele, die sich an den zahlreichen CeFi- und DeFi-Angeboten bedient haben, unangenehm sein.

Beispiele für das Nutzen von Kryptowährungen als Einkunftsquelle ist das Staking, sei es als Mining, durch Cold Staking oder einen Masternode; ein anderes das Lending, bei dem Kryptowährungen verliehen werden, etwa über Plattformen wie Bitwala oder im Margin-Trading auf Börsen. Über DeFi Liquidität bereitzustellen, dürfte theoretisch auch in diese Sparte fallen, wird aber nicht erwähnt. In allen Vorgängen, bei denen „das Halten von Einheiten einer virtuellen Währung zur Zuteilung weiterer Einheiten der virtuellen Währung“ führt,  verlängert sich die Haltefrist auf zehn Jahre.

Eine weitere Sachaufgabe aus dem Leitfaden: Wie hoch ist diesmal die Steuerschuld?

Das Beispiel des Stakens zeigt die buchhalterischen Herausforderungen, die mit dieser Regel einhergehen: Die Coins, die man für das Staking zurückhält, unterliegen der verlängerten Haltefrist, nicht jedoch die Coins, die man durch das Staking erwirbt. Immerhin zählen Coins mit der verlängerten Haltefrist nicht mehr zur Reihenfolge nach FiFo.

Die Versteuerung von Forkcoins

Eine Sache, die vielen Usern und auch Steuerbeamten wohl Kopfschmerzen bereitet, ist der Eingang neuer Coins ins Vermögen durch eine Fork. Hier konnte man sich bisher davor retten, diese zu versteuern, weil keiner wusste, wie und ob überhaupt. Nun definiert das Bundesfinanzministerium, dass und wie genau.

Falls man die Coins als Betriebsvermögen hält – sagen wir, Bitcoin – und dann durch eine Fork dieselbe Menge anderer Coins erhält – sagen wir, Bitcoin Cash – gehen diese als ein anderes Wirtschaftsgut in die Bilanz ein. Dabei ändern sich auch die Anschaffungskosten der Bitcoins entsprechend des Verhältnisses des Marktwertes von Bitcoin zu Bitcoin Cash.

Als Beispiel: Wir haben damals einen Bitcoin für 100 Euro gekauft, und zum Zeitpunkt der Fork war der Bitcoin 1.000 Euro wert, und der Bitcoin Cash 100. Also verbuchen wir als Anschaffungswert für den Bitcoin 90 Euro und für den Bitcoin Cash 10 Euro. Wenn der bei der Fork entstehende Coin zu diesem Zeitpunkt keinen Wert hat, ändert sich der Anschaffungswert nicht; wenn die Werte der jeweiligen Bitcoins bis zur nächsten Bilanz sinken, kann man diese Wertminderung als Abschreibung verbuchen.

Wenn jemand als Privatmann in den Genuss neuer Coins durch eine Fork kommt, dann „schafft der Steuerpflichtige die Einheiten einer neuen virtuellen Währung“ entgeltlich an, und zwar „als Bestandteil der Einheiten der vor dem Fork existierenden virtuellen Währung“. Auch in diesem Fall sind die Anschaffungskosten der ursprünglichen Kryptowährung im Verhältnis des Wertes beider Währungen zum Zeitpunkt der Fork aufzuteilen. Da also die Anschaffung des Bitcoins mit der Anschaffung des Forkcoins zusammenfällt, dürfte sich die Haltedauer von Bitcoin auf die Forks vererben.

Natürlich wird das Ganze im Falle von Bitcoin ziemlich komplex: Von Bitcoin haben sich ja Bitcoin Cash und Bitcoin Gold abgespalten, von Bitcoin Cash hat sich dann Bitcoin SV und später Bitcoin ABC abgespalten. Die wenigsten werden alle Forkcoins abgeholt haben, was aber natürlich schwer zu beweisen ist.

Token aus einer ICO

Haarig wird es auch, wenn zu all den Coins und Forkcoins noch Token aus einer ICO kommen. Diese können nämlich verschieden verbucht werden, je nachdem, „ob die Token dem Inhaber eine besondere Rechtsposition einräumen. Token können als Wirtschaftsgüter unter den Finanzanlagen oder als Forderungen zu bilanzieren sein.“ Eine Ausnahme sind sogenannte „Utility Token“, die den zukünftigen Zugriff auf ein Produkt oder eine Dienstleistung gewähren. Wenn man sie einlöst, ist dies ertragssteuerlich irrelevant; es liegt keine Veräußerung vor. Wird ein Utility Token hingegen verkauft, gelten die üblichen Regeln für die Veräußerung einer Kryptowährung.

Wenn ein Token hingegen den Status eines Wertpapiers nach dem Wertpapiergesetz genießt – es wäre dann ein Equity/Security/Debt Token -, gelten wiederum andere Regeln. Solche Token können eine Kapitalforderung oder einen Sachleistungsanspruch verkörpern. Im ersten Fall gelten Erträge durch die Veräußerung eines solchen Tokens als Kapitalerträge, im zweiten zu Erträgen privater Veräußerungsgeschäfte.

Einkünfte durch Staking, Lending und Airdrops

Einkünfte durch das Staking, das Lending oder Airdrops schließlich gelten entweder als betrieblich veranlassten Zugang zum Betriebsvermögen oder als private Einkünfte aus sonstiger Leistung. Da diese Einkünfte meistens in Token oder Coins zustande kommen, sind sie mit dem Marktwert des Tokens zum jeweiligen Zeitpunkt zu verrechnen.

Keine Langeweile für Steuerberater

Das alles klingt also ziemlich kompliziert. Wer seit sagen wir 2015 dabei ist, wer an verschiedenen ICOs teilgenommen, Coins gegen Altcoins gewechselt hat, wer von den Forks zu Ethereum Classic, Monero Classic, Bitcoin Cash, Bitcoin SV profitiert hat, wer gestaked und Coins verliehen hat, wer bei Airdrops die Hand aufgehalten und womöglich mal einen Miner angeworfen hat – der darf sich darauf einstellen, dass er ziemlich viel zu recherchieren, einzurodnen und anzumelden hat.

Der Steuerberater Rüdiger Quermann kommentiert den Entwurf eines Leitfadens des Bundesfinanzministeriums mit den folgenden Worten: „Manches könnte ja ganz schön werden. Die Möglichkeit der adressbezogenen Verbrauchsfolge bzw. nach der genutzten Wallet/Börse ist arbeitsintensiv, aber nützlich. Ansonsten machte der BMF ja den Minern ein schönes Geschenk mit der einjährigen Abschreibung auf die Hardware. Dafür verärgerte er sich viele mit der Behauptung, dass Lending, Staking als Einkunftserzielung gilt und die Haltefrist auf zehn Jahre verlängert. Es kommt also keine Langeweile auf der Beratungsseite auf.“

Original source: https://bitcoinblog.de/2021/06/23/bundesfinanzministerium-veroeffentlicht-entwurf-fuer-steuerliche-behandlung-von-kryptowaehrungen-keine-langeweile-fuer-berater/

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